Erste Schritte

Wie Du Deinem Kind hilfst, wieder normal essen zu können und sich wieder wohl zu fühlen. Erste Schritte, um Deinem Kind zu helfen, die Essstörung zu überwinden und gesund zu werden:


1.

Informiere Dich. Lies alles, was Du über Anorexie und die Familienbasierte Therapie (FBT) finden kannst. Erste Infos und weiterführende Links findest Du hier: https://netzwerk-magersuchteltern.de.

 

Hier findest Du einen reichen Schatz an Erfahrungen von anderen Eltern, die ein FBT Home Treatment gemacht haben: https://am-esstis.ch 

 

Atme den Geist, was es heißt, als Eltern aufzustehen und der Anorexie die Stirn zu bieten. Was es heißt, nicht weiter tatenlos zuzusehen, wie Dein Kind jeden Tag ein Stück weniger wird. Lerne, wie man der Krankheit essentiell etwas entgegensetzen kann und wie Du Dein Kind dieser furchtbaren Krankheit entreißen kannst.

 

Falls Du noch keine Zugangsdaten für “Am Esstisch” hast, dann setze Dich mit uns über [email protected] mit uns in Verbindung.

 

 

2.

Nimm Kontakt auf zu anderen Eltern, die ein FBT Home Treatment gemacht haben: https://netzwerk-magersuchteltern.de/kontakt

 

Suche einen FBT Therapeuten: https://netzwerk-magersuchteltern.de/hilfe 

 

Nutze die Erfahrung anderer und lass Dich auf gegebenenfalls vorhandene Wartelisten setzen. Absagen kannst du jederzeit. Frag soviel Du kannst. Du musst nicht das Rad neu erfinden! Du kannst die Erfahrungen anderer nutzen und deren Tipps ausprobieren. Was funktioniert, wird übernommen.

 

 

3.

Du wirst eine Vielzahl an Werkzeugen kennen lernen, mit deren Hilfe andere Eltern es geschafft haben, dass ihr Kind wieder isst, zunimmt und gesund wird. Viele der Werkzeuge kannst Du sofort ausprobieren und umsetzen. Schon eines der Werkzeuge, das bei Euch funktioniert, kann einen sehr großen Unterschied machen und die Situation nachhaltig verbessern.

 

Es gibt keine Patentrezepte, die bei allen Kindern und in allen Familien funktionieren. Jedes Kind ist anders und jede Familie ist individuell. Es gibt allerdings viele Techniken und Tricks, die bei überraschend vielen Fällen helfen, und es gibt absolute No-Gos, die in jedem Fall vermieden werden sollten.

 

 

4.

Der Hauptfokus von FBT liegt in der Behandlung von verschiedenen Formen von Anorexie, vor allem der “klassischen” restriktiven Anorexie.

 

Bei anderen Formen von Anorexie oder anderen Essstörungen können oft große Teile der hier geschilderten Techniken verwendet werden. Bitte suche Dir einen FBT Therapeuten, mit dem Du die spezifische Anpassung der Methode besprechen und planen kannst.

 

Wenn Dein Kind an vermeidender/restriktiver Nahrungsaufnahme (ARFID) oder einer Autismus-Spektrum-Störung (ASD) leidet, dann sind wahrscheinlich nicht alle Methoden und Werkzeuge der FBT direkt anwendbar. Besprich das bitte unbedingt mit Deinen Spezialisten. Bitte suche Dir auch hier unbedingt einen FBT Therapeuten, mit dem Du die spezifische Anpassung der Methode besprechen und planen kannst.

 

 

5.

Versuch Dein Kind in deinem Kopf von der Essstörung zu trennen. Das macht es leichter, die Essstörung zu bekämpfen und nicht dein Kind. Dein Kind muss und will gerne essen. Es hat wahrscheinlich sogar großen Hunger. Die Erkenntnis und das Wissen darum, dass nicht das Kind verantwortlich für die Krankheit ist, sondern dass die Krankheit das Kind kontrolliert, hilft den meisten Eltern sehr schnell, besser mit der Situation umgehen zu können.

 

Dein Kind hat sich dieses innere Gefängnis und diese Krankheit nicht gewählt. Es ist krank geworden, die Krankheit hat sich Dein Kind ausgesucht. Es trifft ein Kind von 100. Biologisches Roulette. Diese furchtbare Krankheit hält Dein Kind gefangen und Du musst es aus dem brennenden Haus holen, alleine wird es das nicht schaffen.

 

Die Essstörung ist der Feind, der Dein Kind nicht essen lässt. Ihn gilt es zu bekämpfen: https://am-esstis.ch/externalisierung-das-geliebte-kind-und-die-krankheit-trennen

 

 

6.

Alle Waagen im Haushalt müssen für Dein Kind unzugänglich sein. Wiege Dein Kind 2x in der Woche blind (rückwärts auf die Waage) und in Unterwäsche.

 

Viele Patienten verstecken Gewichte in der Kleidung. Das Wiegen muss ohne festen Rhythmus stattfinden, so dass Dein Kind nicht erraten kann, wann der nächste Wiegetermin sein wird. Hole Dein Kind morgens am Bett ab und lasse es nicht vorher auf die Toilette. Viele Patienten versuchen vor dem Wiegen zuzutrinken, um das Gewicht höher erscheinen zu lassen.

 

Achte darauf, dass Dein Kind das Gewicht nicht von der Waage ablesen kann. Gib Deinem Kind keine Informationen über Gewicht oder Zunahme/Abnahme. Auch keine sonstigen Kommentare, wie “Gut!” oder Ähnliches.

 

Dokumentiere den Gewichtsverlauf Deines Kindes, denn Du musst darüber genauestens im Bilde sein. Benutze immer den Mittelwert der beiden Wiegeergebnisse. Gewicht ist keine statische Größe, sondern schwankt. Durch die Mittelwertmethode erhältst Du zuverlässigere Werte.

 

Mehr Information zum Thema Wiegen und Dokumentation findest Du hier: https://am-esstis.ch/kategorien/gewicht

 

 

7.

Informiere Dich über den tatsächlichen Gesundheitszustand deines Kindes. Jetzt müssen die Fakten auf den Tisch: Größe, Gewicht, physischer Zustand. Viele Kinder haben bereits nach kurzer Zeit schwere Mangelerscheinungen und sogar Herzprobleme. Deshalb erst mal ab zum Kinderarzt.

 

Bitte besprich dein Anliegen zuerst alleine mit dem Arzt, unbedachte Aussagen von Ärzten vor den Kindern haben es schon so manchen Eltern schwer gemacht, ihr Kind später konsequent zum Zunehmen zu bringen.

 

Dein Kind sollte auch beim Arzt blind gewogen werden und das tatsächliche Gewicht nicht mit dem Kind thematisiert werden. Es ist viel zu wenig. Diese generelle Aussage reicht völlig aus. Besprich auch das vorab mit dem Arzt. Einen Arztbrief findest Du hier: https://netzwerk-magersuchteltern.de/docs/information-fuer-haus-und-kinderaerzte.pdf 

 

 

8.

Wenn der Kinderarzt eine Klinikeinweisung für notwendig hält, dann hat das meist einen dringenden medizinischen Grund und es ist Gefahr in Verzug. Ein dramatischer Gewichtsverlust kann sehr schwere körperliche Folgen und Risiken haben, die Dir aktuell wahrscheinlich noch nicht klar sind. In diesem Fall ist ein Klinikaufenthalt unausweichlich.

 

Wende Dich an unser Netzwerk, vielleicht können andere Eltern eine Klinik empfehlen. Auf jeden Fall können sie Dir wertvolle Tipps zum Aufenthalt Deines Kindes dort geben. Wenn der Arzt grünes Licht für eine ambulante Therapie gibt und es keine Notwendigkeit für einen stationären Aufenthalt gibt, dann mach Dir einen Plan, wie Du Deinem Kind zuhause helfen kannst gesund zu werden.

 

“Zuhause” kann für Dein Kind die beste Klinik auf der ganzen Welt werden, die es für seine Essstörung gibt:

  • Wer kann uns helfen? Ist ein FBT-Therapeut verfügbar?
  • Kann jemand aus der Familie/dem Freundeskreis uns unterstützen? FBT ist ein Vollzeitjob.
  • Wie kann ich eine 24/7 Überwachung zu Hause organisieren?
  • Wer bleibt zu Hause? Wie finanzieren wir das? Pflegezeit? Pflegegeldantrag?
  • Ist die Wohnung/das Haus sicher? (Gewaltausbrüche, Fluchtversuche, Erbrechen…)
  • Was wird mit der Schule? Kurze Pause zum Start? Nachteilsausgleich beantragen? Wer überwacht das Schulbrot und das Mittagessen in der Schule?
  • Wie sieht ein guter erster Speiseplan mit 3 Mahlzeiten und 3 Snacks aus?
  • Wann fange ich an?

 

9.

Klär Dein Vorgehen mit Deinem Partner ab. Ihr müsst ein Team sein und wie eine Person agieren. Es ist bei FBT unbedingt notwendig, dass beide Elternteile an einem Strang ziehen und sich einig sind.

 

Wenn Du darauf bestehst, dass Du die Portionsgrößen bestimmst und der Teller leer gegessen werden muss und Dein Partner mit einem selbst geschöpften, halb gegessenen Teller zufrieden ist, dann werdet ihr nicht weit kommen. Das Bilden einer gemeinsamen Front gegen die Krankheit ist ein essentieller Bestandteil der Behandlung.

 

Lies mehr hier: https://am-esstis.ch/kategorien/eine-gemeinsame-front-gegen-die-krankheit-bilden

 

10.

Dann musst Du ins kalte Wasser springen! Es gibt keinen guten Zeitpunkt, um FBT zu starten. Der beste Zeitpunkt ist gestern.

 

Es muss jemand zu Hause sein, man muss was zu Essen im Haus haben und man sollte sich Gedanken gemacht haben, wie man auf Verweigerung und Fluchtversuche reagiert und schon kann es losgehen. Jeder Bissen, der ab jetzt rein geht, ist ein Gewinn und ein Schritt in Richtung Genesung. Die Abwärtsspirale muss gestoppt werden. Und dabei gilt es keinen einzigen Tag Zeit mehr zu verlieren.

 

Sei darauf gefasst, dass Du sehr viel Widerstand sehen wirst. Dein Kind wird sich mit Händen und Füßen gegen das Aufpäppeln wehren. Das ist normal und ein gutes Zeichen. Wenn Du die Essstörung kämpfen siehst, machst Du in der Regel etwas richtig. Auch wenn es sich anfangs nicht so anfühlt.

 

Wenn alles zu gut klappt, ist das meist ein Zeichen dafür, dass die Essstörung ein Schlupfloch gefunden hat (dein Kind z.B. doch heimlich erbricht).

 

Psychische und physische Gewalt ist natürlich absolut verboten.

 

 

11.

Teile Deinem Kind "offiziell" mit, dass du ab jetzt die Kontrolle über sein Essen, Bewegung und Sozialkontakte übernimmt. Gib ihm nicht zu viele Informationen, das macht ihm in dieser Phase meist nur Angst.

 

Sage ihm vor allem, dass ihr ab jetzt für das Essen und die Genesung zuständig seid und es sich um nichts mehr kümmern und sorgen muss. Es wird keine Zustimmung vom Patienten für diese Maßnahmen erwartet, in seinem aktuellen Zustand ist das nicht möglich.

 

Das Einzige, was für den Anfang wichtig ist, ist zu verstehen, dass dein Kind - egal, wie erwachsen es ist - nicht die Verantwortung für sein Essen tragen kann und darf. Du entscheidest ab jetzt alle wichtigen Eckpunkte zu Essen, Bewegung, Autonomie, Mediennutzung und sozialen Kontakten.

 

Egal, was Dein Kind Dir an den Kopf wirft: Du bleibst standhaft um jeden Preis! Das ist das Wichtigste und damit bist du für's Erste gewappnet

 

 

12.

FBT heißt: jeden Tag 3 Hauptmahlzeiten und 2-3 Snacks servieren. Also alle 2 bis 3 Stunden Essen fertig auf dem Teller hinstellen und dann mit viel Geduld und Liebe, Belohnung und Konsequenz dafür sorgen, dass dieses Essen auch gegessen wird.

 

Die ersten Tage sind am Schwersten. Versuche, möglichst viel Routine in den Tagesablauf zu bringen. Essen muss immer zur selben Zeit stattfinden. Routine erleichtert das Essen für dein Kind. Das klappt meist nicht vom ersten Tag an und man braucht eine Weile, bis man herausgefunden hat, was funktioniert und was nicht und wie viel sie essen müssen, um zuzunehmen.

 

13.

Es ist wichtig, so schnell wie möglich eine wöchentliche Steigerung des Gewichts um 0,5-1 kg pro Woche zu erreichen. Bei FBT wird das als Phase 1, die Refeeding Phase bezeichnet.

 

Mit sehr langsamer Zunahme dauert es viel zu lange, bis Dein Kind in einen gesunden Gewichtsbereich kommt. Erst bei einem gesunden Gewicht kann das junge Gehirn heilen und die seltsamen Zwänge und Verhaltensweisen der Anorexie verschwinden.

 

Die moderne Forschung zeigt, dass ein schneller und kontinuierlicher Gewichtsaufbau ein positiver Faktor beim Gesundungsprozess ist. Erst wenn dein Kind wieder das Gewicht erreicht, das es jetzt hätte, wenn die Krankheit nicht dazwischen gekommen wäre, kann es wieder gesund werden.

 

 

14.

Um eine wöchentliche Zunahme von 0,5-1kg pro Woche zu erreichen, benötigen die meisten Kinder mehr als 3.000 Kcal am Tag. Durch eine bereits länger bestehende Essstörung ist der Stoffwechsel bereits nachhaltig geschädigt. Die meisten Kinder benötigen für ein Halten des Gewichts, bzw. für eine Zunahme bedeutend mehr Kalorien pro Tag als ein gesundes Kind.

 

Zudem sollte im Idealfall die Nahrung jetzt zu 30% aus Fetten bestehen. Durch den bereits länger anhaltenden Nährstoffmangel leidet das Gehirn bereits an einem akuten Mangel an Fetten. Viele der seltsamen Verhaltensweisen und psychischen Auffälligkeiten lassen sich auf die akute Mangelversorgung des Gehirns an Fett zurückführen.

 

Diese resultierenden Fehlfunktionen des Gehirns sind inzwischen durch moderne bildgebenden Verfahren eindeutig belegt. Das Problem an der Sache ist: Für die meisten erkrankten Kinder sind "offene, sichtbare Fette" so stark angstbesetzt, dass es in den ersten Wochen unmöglich ist, stark fetthaltige Speisen zu servieren.

 

Du wirst in den nächsten Wochen ein Experte darin werden, Lebensmittel kalorisch nachzuverdichten, und Fette und Kalorien zu verstecken: https://am-esstis.ch/tags/kalorienverdichtung

 

 

15.

Da viele Kinder schon stark in ihrem Essverhalten eingeschränkt sind, und sehr viel Lebensmittel stark angstbesetzt sind, stelle einen Essensplan zusammen, der nicht auf Variation setzt, sondern darauf, dass die benötigte Energiezufuhr für den Körper da ist, um eine ausreichende wöchentliche Zunahme zu erreichen.

 

Am Anfang ist ein sehr eingeschränkter Speiseplan völlig OK. Oft essen Kinder ganz am Anfang des Aufpäppelns jeden Tag die gleiche Abfolge von Essen. Hauptsache, es stehen Kohlehydrate und Fette auf dem Plan.

 

Schränke Obst und Gemüse stark ein, das füllt nur den Magen und hat keine Energie. Wenn es noch einige nahrhafte Lebensmittel gibt, die dein Kind mit wenig Angst essen kann, dann kann es diese auch mehrmals jeden Tag geben. Bei manchen Kindern ist das Konzept von "fear foods" noch nicht sehr stark oder noch nicht vollständig ausgeprägt.

 

Versuche herauszufinden, welche kalorienreiche Lebensmittel noch nicht so stark angstbesetzt sind und serviere diese so oft wie möglich. Breiige Speisen und Trinken geht meist besser als Essen, denke auch darüber nach, einen oder zwei der Snacks als Shake zu servieren: https://am-esstis.ch/tags/shake.

 

Priorität 1 hat der Aufbau des Gewichts am Anfang, an der Flexibilisierung des Essverhaltens kann später gearbeitet werden.

 

 

16.

Schaff Dein Kind aus der Küche und lass es nicht wissen, was im Essen drin ist und wie viele Kalorien eine Portion hat.

 

Das will nur die Essstörung wissen, ein gesundes Kind fragt nicht danach.

 

Du kochst, Du bereitest alle Mahlzeiten zu. Stell eine fertige Portion auf den Tisch und fordere Dein Kind auf, diese zu essen. Liebevolle Konsequenz und viel Geduld sind hier das Stichwort: NICHT-ESSEN unmöglich machen. Keine Auswahl, keine Ausreden mehr. Stur bleiben, bis der Teller leer ist. Das Leben stoppt solange, erst nach dem Essen geht es weiter.

 

Es wird nicht über Auswahl oder Portionen diskutiert. Was auf dem Teller ist, wird gegessen. Alle Mahlzeiten werden überwacht. Was Du nicht gesehen hast, dass es gegessen ist, ist nicht gegessen.

 

Diese Methode nennt sich Magic Plate und hilft den meisten Eltern, ihr Kind wieder zum Essen zu bringen und eine schnelle Gewichtszunahme zu erreichen: https://am-esstis.ch/magic-plate-wie-der-magische-teller-deinem-kind-beim-essen-hilft

 

 

17.

Nimm Dein Kind nicht mit zum Einkaufen! Fülle alle Einkäufe in Mehrwegbehälter um und entsorge die Verpackungen.

 

Oder schwärze alle Nährwertangaben auf den Verpackungen. Man kann sie auch mit Etiketten überkleben.

 

Merke: Kein gesundes Kind interessiert sich in irgendeiner Weise für Nährwertangaben. Nur AN will wissen, wieviel Kalorien der Joghurt hat: https://am-esstis.ch/tags/naehrwertangaben

 

 

18.

Unterbinde auf alle Fälle, dass Dein Kind beim Zubereiten von Speisen dabei ist. Wenn dein Kind nicht weiß, was im Essen drin ist, wird ihm das Essen viel leichter fallen.

 

Anders wird es auch nicht möglich sein, deinem Kind Speisen zuzubereiten, mit denen es zunehmen kann. Koche ohne Dein Kind, zur Not nachts, wenn es schläft. Oder beauftrage einen anderen Erwachsenen, solange zur Betreuung zu kommen, bis Du fertig bist (Oma? Freundin?). Koche auf Vorrat und friere Portionen ein, dann kannst Du nachlegen, wenn Essen auf dem Boden gelandet ist.

 

 

19.

Benutze nicht immer das gleiche Geschirr. Benutze wechselnde Teller und Schalen, unterschiedliche Gläser, unterschiedliche Löffel. Nutze unterschiedliche Schüsseln etc um das Essen auf den Tisch zu stellen.

 

Es besteht ganz schnell die Gefahr, dass immer auf das gleiche Glas, den gleichen Löffel, die gleiche Schale bestanden wird. Und dass dann der ‚Füllstand‘ keinen Millimeter abweichen darf. Das wird oft ganz schnell ganz schlimm.

 

In unterschiedlichen Schalen sieht die gleiche Menge Essen völlig unterschiedlich viel aus. Größere Schüsseln lassen die Portion oft kleiner wirken, genauso tiefe Teller (perfekt für z.B. Pasta). Ein großes Glas nur ¾ voll sieht weniger aus als ein normales Glas ganz voll, obwohl vielleicht 30 ml mehr drin sind.

 

 

20.

Die Einnahme aller Mahlzeiten muss sorgfältig überwacht werden. Bei nicht sorgfältig überwachten Mahlzeiten kannst Du davon ausgehen, dass dein Kind viel verschwinden lässt (Hosentaschen, Servietten, Backentaschen, etc).

 

Bei überhaupt nicht überwachten Mahlzeiten, kannst Du davon ausgehen, dass das Essen im Mülleimer landet. Kontrolliere am Anfang nach jedem Essen die Hosentaschen, die Ärmel, die Socken, die Haare und die Backentaschen. Das ist keine schöne Maßnahme, aber absolut notwendig.

 

Du glaubst nicht, wie erfinderisch AN sein kann, wenn es darum geht Essen verschwinden zu lassen. Lasse nicht zu, dass Servietten auf dem Tisch liegen und benutzt werden. Richte den Essplatz des Kindes so ein, dass dort keine Blumentöpfe o.ä. stehen wo man Essen unauffällig verschwinden lassen kann. Verbanne - falls vorhanden - den Hund und die Katze unter dem Tisch.

 

 

21.

Setze bei den Essenssituationen auf Ablenkung: https://am-esstis.ch/tags/ablenkung

 

Das bringt die meisten gleich einen großen Schritt weiter! Dadurch, dass es jetzt 5-6 Mahlzeiten am Tag gibt und alles gegessen werden muss, verbringst Du viel Zeit mit Deinem Kind am Tisch. Löst Kreuzworträtsel, spielt Sudoku, lasse Dein Comics und Bücher lesen. Schaut nebenher fern oder Youtube Video.

 

Allerdings alles nur, solange gegessen wird. Bei Nicht-Essen gibt es keine Zerstreuung. Die Essstörung verliert einen Teil der einschränkenden Macht, wenn Dein Kind sich während des Essens durch Spielen ablenken und entspannen kann.

 

 

22.

Wenn Dein Kind bei Fear Food zum Werfen von Geschirr und Besteck neigt: Schaff das gute Geschirr ab. Plastikteller, -becher und -schüsseln lassen sich ohne Schaden und Gefahr werfen.

 

Räum alles weg, was kaputt gehen kann oder geworfen werden kann. Dein Kind kann schlimme Wutanfälle bekommen, in denen es sich nicht mehr unter Kontrolle hat. Wenn nichts rumsteht, kann auch nichts geworfen werden. Richte das Haus und die Küche so ein, als hättest Du wieder ein Kleinkind im Haus.

 

Lies mehr unter: https://am-esstis.ch/tags/sicherheit

 

 

23.

Falls Dein Kind viel Zeit beim Essen braucht, dann setze Zeitlimits (Hauptmahlzeit 60 Minuten, Snack 30 Minuten; Zeitlimits im Laufe der Wochen nach unten anpassen).

 

Setze klare Regeln, was passiert, wenn diese Zeit überschritten wird: zusätzliches Glas Saft, Einschränkung von Bewegung, etc.

 

 

24.

Völlegefühl/leichte Übelkeit beim Wiederaufpäppeln sind völlig normal. Der Magen muss sich erst wieder an größere Mengen gewöhnen, er ist wirklich faktisch geschrumpft.

 

Natürlich darfst du dich liebevoll um dein Kind kümmern, aber Mitleid oder Essen reduzieren ist keine Option. Essen ist die Medizin und die hilft nicht vom Anschauen.

 

Erlaubte Hilfsmittel: Wärmflasche, Fenchel-Kümmel- Anis Tee, kleine Bauchmassage, pflanzliche Medikamente, 10 Minuten Pause. Ansonsten müssen da alle einfach durch, es gibt keine Option!

 

 

25.

Lasse dein Kind nach den Mahlzeiten nicht alleine. Kein Toilettengang ohne Aufsicht in der nächsten Stunde. Kein Rückzug aufs Zimmer oder Ausgang. Nach dem Essen ist der Drang Übungen zu machen und zu Erbrechen am Höchsten.

 

Sehr viele Eltern haben während der ersten Monate gut Erfahrungen gemacht, nach den Mahlzeiten Ruhezeiten einzuführen (45-60 Minuten nach den Hauptmahlzeiten, 20-30 Minuten nach den Snacks) um den Zunahmeprozess zu unterstützen.

 

Am Anfang heißt das: der ganze Tagesablauf ist mit kochen, essen und Aufsicht ausgefüllt.

 

Es dauert, bis sich das eingespielt hat, meist wird es aber schon nach kurzer Zeit deutlich besser und der neue Tagesablauf und die Regeln werden akzeptiert.

 

 

26.

Schriftlich verfasste Pläne und Regelwerke sind keine konkrete Vorgabe bei einer FBT Behandlung. Viele Eltern haben in den ersten Monaten gute Erfahrungen mit schriftlichen Plänen und Regelwerken zu Essen, Bewegung und vielem anderen gesammelt.

 

Wann wird gegessen, was wird gegessen, wer übernimmt die Überwachung beim Essen, wer isst gegebenenfalls mit den Geschwistern? Was wird während des Essens und danach an Belohnung oder Ablenkung angeboten?

 

Viele AN-Patienten sind von ihrer Natur her sehr “regelhörig”, was man bei einem Home Treatment gut zum eigenen Vorteil nutzen kann: https://am-esstis.ch/kategorien/habt-ihr-plaene-benutzt

 

 

27.

Ablehnung, Aggression, teilweise sogar blanker Hass schlägt vielen Eltern in den ersten Wochen entgegen. Es ist furchtbar, sein Kind so erleben zu müssen. Aber es ist nicht Dein Kind. Dein Kind ist im Würgegriff dieser Krankheit und kann nicht anders. Nimm es nicht persönlich und lerne für einen beschränkten Zeitraum damit zu leben.

 

Vielen Eltern fällt der Umgang mit Ablehnung und Aggression sehr schwer. Du musst lernen, dieses Verhalten an Dir abperlen zu lassen und weiterhin jede Minute Dein Kind zu lieben.

 

Bei allem was Du tust, vergiss nie, dass Dein Kind sich gerade nicht anders verhalten kann.

 

Beschäme Dein Kind während dieser Phasen nie, und beschuldige es nicht. Nimm das Verhalten einfach hin als das was es ist: Eine Krankheit, die sich mit Zähnen und Krallen dagegen wehrt vertrieben zu werden.

 

Stell Dir vor, Du bist im Auge des Sturmes. Um dich herum tost und brodelt es, aber hier ist Ruhe und Gewissheit, dass Du das richtige machst! Lies, wie andere Eltern damit umgegangen sind: https://am-esstis.ch/tags/aggression.

 

 

28.

Wenn das Essen, bzw. die tägliche Kalorienzufuhr für eine entsprechende Zunahme nicht ausreicht, dann muss alles andere erst einmal warten: Schule, Verein, Freundinnen, alles.

 

Es ist OK, jedes Druckmittel, das man hat einzusetzen. Es geht um das Leben deines Kindes. Überlege, was für Belohnungen Du einsetzen kannst. Belohnung funktioniert meist besser als Strafe.

 

Formuliere die Sätze positiv. Sag nicht: "Wenn Du nicht aufgegessen hast, können wir nicht [schöne Aktion]." Sag: "Sobald Du fertig bist, können wir sofort [schöne Aktivität]", "Sobald Du fertig bist, kannst Du sofort Dein Handy wieder bekommen und spielen."

 

Was auch immer funktioniert. Hauptsache, das Essen geht rein.

 

 

29.

Wenn Dein Kind nach den ersten beiden Wochen mit 5-6 täglichen Mahlzeiten NICHT zugenommen hat, dann hat das in der Regel drei mögliche Gründe:

 

  1. es macht heimlich Sport und Du hast es noch nicht gemerkt
  2. es erbricht heimlich und Du hast es noch nicht gemerkt oder
  3. es bekommt noch nicht genug zu essen. Kinder mit AN haben einen sehr lebhaften Stoffwechsel und verbrennen sehr viele Kalorien nur mit lebenserhaltenden Körperfunktionen. Sie brauchen meist sehr viel mehr Kalorien, um zuzunehmen, als ein gesundes Kind. AN Kinder benötigen beim Aufpäppeln mindestens 3.000-3.500 Kcal am Tag, in Einzelfällen weit mehr.

 

 

30.

Organisiere den Alltag. Schule - wenn alle Mahlzeiten gut klappen und es dort eine Möglichkeit gibt, das Pausenbrot oder sogar das Mittagessen zu überwachen, spricht nichts dagegen, wenn es der körperliche Zustand erlaubt.

 

Freunde - können gerne zu Besuch kommen (und auch mitessen). Manchmal hilft es, wenn "Zeugen" im Haus sind. Beschäftigung und Ablenkung sind sehr wichtig. Je weniger Dein Kind mit der Essstörung im Kopf allein beschäftigt ist, umso besser.

 

 

31.

Parallel mit dem Einführen fester Mahlzeiten müssen alle Verlustmöglichkeiten für Kalorien gestoppt werden. Bewegung muss stark eingeschränkt werden. Viele Kinder leiden bei AN an einem Phänomen, das man "over-exercising" nennt. Sie bewegen sich von morgens bis abends, joggen, rennen, machen Übungen.

 

Die innere Bewegungsunruhe wird immer größer, alles dient dem Zweck Gewicht zu verlieren. Dazu gehört übrigens auch kalt duschen und viel frieren (zu wenig Kleidung anziehen), weil das hilft das der Körper mehr Energie verbrennt.

 

Bei einem Fortschreiten der Krankheit sitzen sie nicht mehr und können nicht mehr stillstehen sondern hüpfen immer auf der Stelle. Ab jetzt: Kein Sport, keine heimlichen Situps im Zimmer, kein unnötiges Treppensteigen. Zimmertür bleibt immer offen oder wird ausgehängt. Toilettenzeiten werden zeitlich limitiert (5 Minuten), bei Verdacht auf Erbrechen gelten strengere Maßnahmen. Dusche/Bad ebenfalls. Exzessive Bewegung muss mit einem zusätzlichen hochkalorischen Getränk ausgeglichen werden.

 

 

32.

Es schläft ein Elternteil (eventuell auch abwechselnd) immer mit im Zimmer. Und zwar für die nächsten Monate.

 

Aus zwei Gründen: Zum einen, um Bewegung zu unterbinden (die Kinder stehen nachts heimlich auf und machen Übungen). Zum zweiten quält AN dein Kind mit fiesen Gedanken und heimtückischen Regeln, und zwar am meisten wenn die Kinder alleine sind.

 

Deshalb ist es am besten, wenn man sie nicht mit dieser Krankheit alleine lässt.

 

 

33.

Heimliches Erbrechen beim Toilettengang oder unter der Dusche muss vermieden werden. Sollte der Verdacht bestehen, dann gehe ihm nach.

 

Wenn der Verdacht besteht, oder Du weißt, dass dein Kind erbricht (purging), dann gelten ab jetzt folgende Regeln:

  • Das Zimmer regelmäßig auf Erbrochenes in Plastiktüten und Behältern kontrollieren.
  • Auch Schubladen und Kisten.
  • Bei Toilettengängen: die Kinder laut zählen oder z.B. singen lassen während sie auf dem Klo sind. • Runterspülen ist verboten. Du spülst runter, damit du siehst was in der Schüssel ist.
  • Dusche: Tür bleibt offen, damit du hören kannst. Völlig geräuschlos erbrechen geht nicht, sehr leise schon.

 

34.

Im Internet gibt es alles was das anorektische Denken wünscht und beflügelt. Es muss nicht einmal die Teilnahme an einer ProAna-Gruppe sein, es geht um: Kalorienangaben, Anleitungen für Workouts, Bilder von magersüchtigen Kindern zur Selbstbestätigung, Tipps&Tricks zum Abnehmen, etc.

 

 Der Internetzugang muss streng kontrolliert werden, ein ggfs. vorhandenes Handy gut präpariert sein oder eingezogen werden. Es gibt gute Software um die Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen einfach und sicher reglementieren zu können. Das Kind darf im Internet nur sehen, was die Eltern freigeben.

 

Mit Browser, Instagram, Youtube und über andere Kanäle holt sich das Kind im Internet nur Informationen über Magersucht und Bestätigung.

 

Mehr Infos und Tipps unter: https://am-esstis.ch/kategorien/mediennutzung.